Ein A350 Ultra Long Range von Singapore Airlines

Einmal um die halbe Welt – nonstop

Das Revival der Ultra-Langstreckenflüge

Es war der 23. November 2013, 23:16 Uhr Ortszeit, das Barrel Öl der Marke Brant kostete an diesem Samstag 111 US $ und damit etwa das Dreifache dessen, was neun Jahre zuvor aufgerufen wurde. Es war das letzte Mal, dass sich SQ22 in Form einer A340-500 der Singapore Airlines vom New Yorker Flughafen Newark Liberty (EWR) auf den Weg nach Singapur Changi (SIN) machte – auf einen sehr langen Weg: 17 Stunden und 21 Minuten und über 15.300km sollten vergehen, bevor der All-Business-Class-Flug mit nur 100 Sitzplätzen wieder landen würde.

Es war das Ende des längsten und weitesten Nonstop-Fluges der Welt, er war zu unwirtschaftlich geworden. Singapore Airlines (SIA) beschrieb dies einmal mit den Worten: man müsse „Kraftstoff mitführen, um Kraftstoff mitzuführen“. Den genau hier liegt das Problem: jeder zusätzliche Tropfen Kerosin, der die maximale Flugstrecke verlängern, muss befördert werden. Dadurch steigen das Gewicht und damit der Verbrauch. In der Praxis muss somit immer mehr Nutzlast für Treibstoff geopfert werden und der Flug wird zunehmend unrentabel, selbst wenn ausschließlich teure Business Class Tickets verkauft werden.

Auch nach dem Ende der Ultra-Langstreckenflüge von Singapore Airlines wurden immer wieder durch verschiedene Airlines Routen über 12.000 km oder gar über 14.000 km geflogen, aber die magische Grenze von 15.000 km überschritt keiner dieser Flüge.

Neu ab Oktober: Singapur – New York nonstop.

Doch ab Oktober dieses Jahres wird der Ultra-Langstreckenflug ein Revival erleben und wieder ist es Singapore Airlines, als erste Betreiberin der Ultra-Langstreckenversion der Airbus A350 – der A350-900ULR. ULR steht für Ultra Long Range, also „sehr hohe Reichweite“. Am 23. April 2018 hob erstmals ein Prototyp dieser Version ab, die es auf eine maximale Reichweite von fast 18.000 Kilometern bringen soll. Sieben Exemplare wurden von Singapore Airlines geordert, die neben der Route nach New York auch nach Los Angeles eingesetzt werden sollen. Nach bisherigem Kenntnisstand wird Singapore Airlines die einzige Betreiberin der ULR-Version sein aber dieser Umstand muss nicht lange so bleiben. Denn die Ultra-Langstrecke rückt wieder verstärkt in den Fokus.

Ultra-Langstrecke – die Königsdisziplin unter den Interkontinentalflügen

Nachdem Singapore Airlines die New York Route aufgab, war es kurze Zeit ruhig um Ultra-Langstreckenflüge geworden. Doch vor allem die Airlines aus der Golfregion – namentlich Emirates, Etihad Airways und Qatar Airways – drängten auf den Markt der sehr langen Langstreckenflüge. Dabei waren vor allem Ziele in Nord- und Mittelamerika sowie Neuseeland die absoluten Kilometerkönige. Bis Oktober wird Qatar Airways mit der Route Doha – Auckland den Rekord halten für den längsten Nonstop-Flug. Aber auch Verbindungen zwischen Afrika und Nordamerika, Indien und Nordamerika sowie Australien und Nordamerika sind auf den vorderen Plätzen der längsten Flüge zu finden. Dabei finden sich bisher vor allem drei Flugzeugtypen in der Königsliga der Langstrecke: die 777-200LR, die A380-800 und die 787-9. Vor allem die 787-9 ist momentan das Flugzeug der Wahl für Routen jenseits der 13.000 Kilometer und somit ist es wenig verwunderlich, dass auch QF9 und QF10 von einer 787-9 durchgeführt werden. Die sogenannte Känguru-Route zwischen Australien und Europa oder in diesem Fall zwischen Perth und London, mit fast 14.500 Kilometern nur minimal kürzer als der Rekordhalter von Qatar Airways, durchgeführt von Qantas.

Anzeigetafel, die QF9 London Heathrow von Qantas ankündigt
© Qantas

Gerade Qantas könnte es – neben Singapore Airlines – sein, die die Ultra-Langstrecke zurück auf die Flugpläne bringt. Denn obwohl die A350-900ULR und die projektierte 777-8 Ziele jenseits der 15.000 Kilometer erreichen können, ist das für viele Flüge von Australien nach Europa, Nord- und Südamerika zu wenig: Eine 747-400 der Qantas schaffte die 18.000 Kilometer lange Route London – Sydney 1989 zwar nonstop, jedoch waren inklusive der Crew nur 23 Personen an Bord und die Kraftstoffreserve hätte noch für genau 10-Minuten Flugzeit gereicht. Für einen kommerziellen Flug absolut unwirtschaftlich und außerdem viel zu riskant. Es ist somit nur folgerichtig, dass Qantas schon seit Jahren auf der Suche nach dem passenden Flugzeug ist und 2017 mit dem Projekt Sunrise ankündigte bis 2022 von Sydney, Melbourne und Brisbane nonstop nach London, New York, Paris, Kapstadt und Rio de Janeiro fliegen zu wollen. Das war der indirekte Auftrag an Airbus und Boeing das passende Flugzeug zu entwickeln. Zumindest bei Airbus scheint die Idee des Ultra-Langstreckenflugzeugs zunehmend auf fruchtbaren Boden zu stoßen, denn auf der diesjährigen IATA-Konferenz gab Airbus CCO Eric Schulz bekannt, dass man über eine A350-1000ULR nachdenke, also ein noch größeres Modell.

20 Stunden Flug – eine Herausforderung für Airline und Passagiere

Es ist nicht nur eine rein technisch-ökonomische Frage ein Flugzeug zu entwickeln, das mit einer Reichweite von etwa 20.000 Kilometern jeden Punkt der Erde erreichen könnte. Es geht auch um die Frage wie Passagiere einen über 18, 19 oder gar 20 Stunden langen Flug angenehm erleben könnten. Das althergebrachte Konzept eines Drei-Klassen-Flugzeugs ist für diese Art von Reisen nicht praktikabel. Jüngst stellte Airbus in Zusammenarbeit mit dem britischen Flugzeugsitzhersteller Zodiac auf der Aircraft Interiors Expo in Hamburg ein Konzept vor, nach dem auswechselbare Module in den Frachtraum von Passagierflugzeugen eingee werden könnten.

Diese Module würden verschiedenste Funktionen übernehmen, etwa als Schlafbereiche, Meeting-, Familien- oder Medizinische-Räume. Dieses Konzept in Verbindung mit einem 20-stündigen Flug würde ein ganz neues Produkt darstellen. Kunden würden nicht länger vor der Frage stehen ob sie ein Economy oder Business Class Ticket kaufen, sie könnten beides haben. So wäre es denkbar die ersten Stunden nach dem Start einen normalen Economy Platz zu kaufen und einen Film zu schauen, dann für ein paar Stunden ein Bett im Lower Deck zu reservieren und zu schlafen, um ausgeruht vor der Landung im Meetingraum bereits die erste Konferenz mit dem Kunden am Ziel durchzuführen.

Erste Konzepte dieser Art befinden sich bereits in der Umsetzung, etwa mit den Qsuite von Qatar Airways. Die variablen Vierer-Abteile in der Middle Row können nach Belieben zusammengeführt und den Bedürfnissen angepasst werden. Somit können Familien gemeinsam zu Abend essen, Geschäftspartner bereits auf dem Flug ihre Präsentation durchsprechen oder frisch verheirate romantisch im Doppelbett entspannt in ihre Flitterwochen starten.

Qsuite von Qatar zeigt ein Meeting im Flugzeug
Qsuite von
© Qatar Airways

Moderne, effizientere Triebwerke und Flugzeuge machen Ultra-Langstreckenflüge wieder wirtschaftlich und auch die Airlines selbst sowie die Zulieferer tüfteln an innovativen Ideen für den Flug der Extraklasse. Viel ist passiert seit dem ersten kommerziellen Flug, der vor etwas mehr als einhundert Jahren von Tampa nach St. Petersburg (USA) führte – eine Strecke von 35 Kilometern. Wie beeindruckend ist nun die Vorstellung, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft jeden Punkt der Erde mit einem Nonstop-Flug erreichen können. Das Revival der Ultra-Langstreckenflugzeuge macht es möglich.